Montagsmerkeleien

Angesichts der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe in Japan und der damit einhergehenden “nuklearen Folgen” von Fukushima, Tokai und Onagawa hat Frau Merkel in ihrer Position als Bundeskanzlerin das Wochenende genutzt, um einmal in sich zu gehen und über die Laufzeitverlängerung für die deutschen Atomkraftwerke nachzudenken. Und überraschte uns alle gestern mit der Information: Die Laufzeitverlängerung für die deutschen Atomkraftwerke wird für 3 Monate ausgesetzt.

Wow!

Liest man sich die Informationen aus der Pressekonferenz einmal in Ruhe durch, entsteht sehr schnell ein erster Eindruck: Frau Merkel verkündet, mit aller Konsequenz und ohne Tabus in einer beispiellosen Aktion vorbehaltlos, rückhaltlos und umfassend einfach nur IRGEND ETWAS tun zu wollen. Lässt man den ganzen Text nun aber mal eine Weile in Ruhe sacken und liest ihn erneut, dann stellt man fest: Stimmt!

Frau Merkel verkündet nach einer Menge Worthülsen:

“Wir haben deshalb am Samstag veranlasst, dass im Lichte der Erkenntnisse, die wir aus Japan haben, alle deutschen Kernkraftwerke einer umfassenden Sicherheitsprüfung unterzogen werden. Ich sage ganz deutlich: Es gibt bei dieser Sicherheitsprüfung keine Tabus. Genau aus diesem Grunde werden wir die erst kürzlich beschlossene Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke aussetzen. Dies ist ein Moratorium. Dieses Moratorium gilt für drei Monate. Darüber, was das für die einzelnen Kernkraftwerke bedeutet, sind wir mit den Betreibern im Gespräch.”

Die Kernaussage dieses Absatzes lautet nach meinem Verständnis: für 3 Monate ist das Gesetz zur Laufzeitverlängerung erst einmal nicht gültig, in der Zwischenzeit produzieren wir mal eine Menge Papier.

Kurz vor diesem Abschnitt sagte Frau Merkel noch:

“Richtig bleibt auch: Wir wissen, wie sicher unsere Kraftwerke in Deutschland sind.”

und wenige Sätze später noch einmal:

“Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und die bisherige unbestrittene Sicherheit unserer kerntechnischen Anlagen zum Maßstab auch des künftigen Handelns machen, ohne dass wir infolge der jüngsten Ereignisse einmal innehalten.”

Warum also müssen wir eine “Sicherheitsüberprüfung ohne Tabus” durchführen, wenn die Sicherheit unserer Atomkraftwerke unbestritten sein soll und wir ja eigentlich bereits wissen, wie sicher sie sind? Wenn unsere Atomkraftwerke so sicher sind, dass bedenkenlos Sicherheitsstandards gesenkt werden können?
Ganz offensichtlich wird hier lediglich Aktivität simuliert.

Dass auch die nicht enden wollenden Hiobsbotschaften aus Japan noch lange kein Grund zum Umdenken sind, sagt Merkel nämlich ebenfalls:

“Ein Abschalten deutscher Kernkraftwerke unter Inkaufnahme der Verwendung von Kernenergie aus anderen Ländern aber ‑ das sage ich ebenso unmissverständlich ‑ kann und darf nicht unsere Antwort sein.”

Eine Aussage, die an Deutlichkeit kaum zu übertreffen ist: Wir KÖNNEN unsere Atomkraftwerke gar nicht abschalten, weil wir sonst Atomenergie aus anderen Ländern importieren müssten und dort keinerlei Kontrolle haben. Also hörst endlich auf zu nerven Kinder! NorGer? Ist das nicht dieses Schokoladeneis am Stiel?

Was bedeutet nun aber eigentlich dieses Moratorium für Deutschland und die deutschen Atomkraftwerke genau?

Mal sehen…

Ja, das sind die Worte von Frau Merkel, auch wenn sie es nicht in dieser Deutlichkeit ausspricht.

Konkret sagt sie auf die Frage, ob dieses Moratorium nun bedeutet, dass die Atomkraftwerke, deren Reststrommenge bereits aufgebraucht ist, nun sofort abgeschaltet werden würden:

“Das wäre die Konsequenz, denn sonst wäre es kein Moratorium des von uns neu beschlossenen Gesetzes.”

Wäre? Oder IST die Konsequenz? “Wäre ich nicht auf den Baum geklettert, dann wäre ich auch nicht herunter gefallen.” Na, etwas bemerkt?

Das “Mal sehen…” wird deutlicher in der Antwort auf die Zusatzfrage, ab wann mit einer Abschaltung der erwähnten Kraftwerke zu rechnen sei:

“Ich würde sagen: Wenn wir mit den Kernkraftwerksbetreibern gesprochen haben.”

Aha! Frau Bundeskanzlerin KANN gar keine Entscheidungen diesbezüglich treffen, erst einmal müssen die Betreiber der deutschen Atomkraftwerke gefragt werden, ob ihnen das so auch Recht ist. Denn genau genommen weiß niemand so genau, was man tun könnte, wie Frau Merkel auf eine andere Frage antwortet:

“Wenn wir jetzt genau wüssten, was wir tun müssten, hätten wir ja nicht ein Moratorium von drei Monaten beschlossen, sondern dann hätten wir Ihnen heute bereits abschließend gesagt, was wir tun.”

Das Moratorium bedeutet also nichts anderes als: Niemand weiß, was zu tun ist. Aber wir müssen irgendetwas tun und sagen, denn bald sind Wahlen. Das Moratorium wird nichts beschleunigen oder unmittelbar ändern, es klingt nur besser.

Genau genommen hätten diese Sicherheitsanalysen auch ohne Moratorium durchgeführt werden können. Ein Gesetz zur Laufzeitverlängerung schließt nicht aus, dass dennoch Sicherheitsstandards überprüft werden. Genau das ist aber die einzige Maßnahme, die wirklich zugesichert wird. Neben Gesprächen, die die Möglichkeiten auslooten sollen…

Das Moratorium ist also ein Beruhigungsdrops für all jene, die nun wieder verstärkt den Ausstieg aus der Atomenergie fordern. Es soll sagen: “Schaut doch her, wir haben doch schon mal etwas getan, wir setzen die Laufzeitverlängerung vorübergehend aus…” Welche Konsequenzen das aber haben kann und soll kann niemand sagen. In 3 Monaten ist die Laufzeitverlängerung wieder in Kraft, aber dann interessiert es vielleicht nicht mehr so viele? Dann sind die Katastrophen in Japan schon wieder lange vorbei und die Wahlen sind auch überstanden… Es wird auf Zeit gespielt und in 3 Monaten ist bestimmt alles vergessen.

Den Beruhigungsdrops verabreicht Frau Merkel mit einigen mahnenden Worten:

“Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir abschließend noch ein persönliches Wort: So wichtig und unerlässlich alle Bewertungen und Maßnahmen sind, die wir in Deutschland und darüber hinaus beraten, so wichtig und unerlässlich ist es, dass wir in dieser Stunde gleichzeitig nicht den Blick für die verlieren, die in Japan nicht wissen, wie sie den Tag überstehen sollen, wie sie genügend zu essen und zu trinken bekommen sollen, wie sie vermisste Angehörige finden sollen, wie sie ein neues Zuhause für sich und ihre Familien finden sollen und wie sie den Verlust ihrer Lieben verwinden sollen. Das Leid dieser so furchtbar geprüften Menschen in Japan muss weiter im Mittelpunkt all unseres Denkens, unseres Mitfühlens und unseres Helfens stehen.”

Mit ein paar Worten weniger: Es gibt doch wirklich wichtigeres als diese Diskussion!

(Während ich mir im Laufe einiger Stunden kopfschüttelnd möglichst freundliche Formulierungen aus den Fingern gesaugt habe, ging der folgende Link bei Twitter rauf und runter: Merkel zu Fukushima. Martin Haase hat hier ebenfalls die Presseinformation von Frau Merkel zerpflückt, die Analyse möchte ich Euch auf gar keinen Fall vorenthalten.)

Nachtrag: Na hoppala, was ist denn da passiert? Jetzt wird es ja doch etwas konkreter. 7 Atomkraftwerke, die nicht mehr den aktuellen Sicherheitsstandards entsprechen, sollen während des Moratoriums abgeschaltet werden. Allerdings ist auch hier wieder eine wichtige Aussage mitten im Text verborgen: “Wie lange die AKW abgeschaltet bleiben, blieb offen.” Ach ja, vorübergehend ablegen…

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Empfohlene Links vom 13.10.2010

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Mit dem elektronischen Personalausweis ist es wie mit dem Sex

Über die Sicherheit des neuen elektronischen Personalausweises wird so einiges geschrieben in diesen Tagen, im Augenblick mag ich da auf Details gar nicht groß eingehen.

Die Aussage allerdings, mit der der der BSI-Mensch Jens Bender auf die Kritik und Hinweise reagiert ist schon ein wenig amüsant:

“Er räumte ein, wenn ein Benutzer “den großen Fehler” mache, den elektronischen Personalausweis länger als nötig in einem Lesegerät zu lassen, könne sich ein Angreifer im Besitz der PIN tatsächlich für ihn ausgeben, zum Beispiel bei Altersverifizierungsdiensten.”

Erinnert mich an vergleichbare Fehleinschätzungen, die ich früher recht häufig gehört habe:
“Wenn man ihn beim Sex schnell genug raus zieht, dann kann nichts passieren.”

Dass sicheres Verhüten anderes geht, hat sich inzwischen allerdings herum gesprochen.

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Das Netz ist ja sooooo grausam!

Nach dem Amoklauf in Lörrach jammert der Stern vor sich hin und bemängelt die fehlende Anteilnahme und Trauer im Netz. Rücksichtslosigkeit gegenüber den Opfern wird “dem Netz” zum Vorwurf gemacht. Spott und Hohn sei das Einzige, was man dieser Tage im Netz zu Lörrach finden könne.

Im Artikel selbst wird aus dem “Netz” zunächst “das Web” und anschließend Twitter. Gut, damit wäre der Schuldige ja gefunden: Twitter, der Schlingel. Hat immer nur Spott und Hohn übrig, kein Respekt vor Opfern.

Doch wem genau gilt eigentlich der Spott? Der Täterin? Den Opfern? Fehlanzeige! Der Spott richtet sich (wie im Artikel durchaus auch korrekt bemerkt wurde) in erster Linie gegen den CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, aber auch gegen die Politik im Allgemeinen. Denn jeder erinnert nur zu gut an die Beißreflexe “unserer” Politiker nach Amokläufen wie in Winnenden oder Emsdetten. Schuldige wurden sehr schnell ausgemacht, die Killerspiele waren es. Immer. Ausnahmslos. Oder auch mal Paintball, was nach den Worten von Wolfgang Bosbach verboten gehört. Weil es “die Lust am Töten simuliert”.

Aufmerksamen Beobachter ist allerdings etwas ganz anderes aufgefallen: die Amokläufer nutzten richtige Waffen. Keine Paintball-Guns oder Pixel-Gewehre. Scharfe Waffen. Mit richtiger Munition. Die sie oder ihre Angehörigen besitzen durften, da sie Mitglieder in Schützenvereinen waren. Was immer wieder Grund für Kritik aus der Bevölkerung war. Hier wurde oft zu Recht gefragt: Warum sollen Privatpersonen scharfe Waffen besitzen dürfen?

Wer nun meint, dieses Thema würde von der Politik nun tatsächlich einmal aufgegriffen, da man ja gerade in der Zeit der Aufbereitung nach einem Amoklauf schnell mit Forderungen nach Verboten zur Stelle ist, der irrt. Bosbach selbst lehnt ein Waffenverbot ab. Denn “Ein Verbot des privaten Schusswaffenbesitzes würde die innere Sicherheit nicht erhöhen, sondern völlig neue Gefahrenquellen schaffen.” Ja, genau der Bosbach der meint, Paintball gehöre verboten, weil es zu Amokläufen beiträgt.

Und da wundert sich der Stern tatsächlich über Spott?

Den Spöttern Respektlosigkeit gegenüber den Opfern vor zu halten ist zudem erbärmlich und dient nur einem Zweck: Die berechtigte, in Spott verpackte, Kritik ins Leere laufen zu lassen.

Nachtrag: Die Heuchelei ist nicht mal ganz so neu, wie man vielleicht glauben mag. Siehe hier.

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